Grußwort des Präsidenten

Mit seiner Antrittsrede in der Mitgliederversammlung am 23.11.12 in Hagen erläutert Herr Dr. Dr. Gattus Hösl sein Verständnis vom Wesen der Transformativen Mediation.

Wir brauchen den Mit-Menschen, um leben zu können. Dabei sind Konflikte unvermeidlich. Durch Mediation lassen sie sich regeln, beilegen, lösen. Die Mediation, das heißt Vermittlung, kennt hauptsächlich zwei Wege:

  • Das weitgehend bekannte Harvard-Konzept. Es ist ein prinzipiengeleitetes, an den Interessen der Konfliktparteien orientiertes Verhandeln und zielt auf eine Problemlösung. Es ist eine Verhandlungstechnik.
  • Der zweite, ergänzende Weg stellt den Menschen genauer und tiefgreifender in den Mittelpunkt. Das ist der Weg der Transformativen Mediation. Sie zielt darauf, die humanen Fähigkeiten, den Selbstwert und Selbstausdruck jedes Einzelnen so zu stärken (Empowerment), dass er in der Lage ist, auch den eigenen Anteil am Konflikt zu erkennen und die Sicht- und Denkweise und die Gefühle und Bedürfnisse des anderen in seine Entscheidung mit einzubeziehen (Recognition). Er kann sich und damit auch den Konflikt selbst transformieren, also wandeln. Der Konflikt kann zu einer Kraft- und Erkenntnisquelle werden. Persönliches ethisches Wachstum und ein soziales Lernen können geschehen. Das ist der Wesenskern der Transformativen Mediation.

Die Transformative Mediation ist ein Menschenbild, das eine neue Vision des gesamten individuellen und sozialen Verhaltens formuliert und verwirklicht. Das auf ihr beruhende mediative Handeln können wir auch im Alltag leben, ob privat, z.B. in der Familie oder zwischenmenschlich, z.B. in der Straßenbahn oder beruflich, z.B. am Arbeitsplatz. Auch bei Konflikten zwischen Unternehmen führt es zu Entlastungen. Konfliktprävention und Gestaltungsräume für eine humanere Gesellschaft sind integrative Linien des transformativen Ansatzes.

Einen einzigen Weg in die Transformation gibt es dabei nicht. In der Praxis erweist es sich als sinnvoll, eine verfahrensstrukturierte Transformative Mediation anzubieten, die auf der formellen Grundlage der vier Verhandlungsprinzipien des Harvard-Konzepts dieses inhaltlich erweitert und ergänzt.

Insbesondere in der Wirtschafts- und Arbeitswelt werden immer wieder reine Sachkonflikte und Systemzwänge betont, denen die Verhandlungstechnik des Harvard-Konzeptes und rechts- und berufsspezifische Kenntnisse entgegenkämen, die aber den Akteuren keinen Spielraum für eine Transformation ihrer Haltung und ihres Handelns nach dem Menschenbild der Transformativen Mediation ließen. Dem zuzustimmen ist ein Irrtum: „Auch im Arbeitsbereich geht es immer um menschliche und zwischenmenschliche Beziehungen. Der Mensch ist mehr als Arbeitspotenzial und will auch mehr sein. Das entspricht seiner Würde. Eine Führungsperson ist sich bewusst, dass sie es immer mit Menschen zu tun hat, nicht nur mit Arbeitsabläufen. Sie braucht so etwas wie eine Vision von Menschlichkeit.“ (1)

Der juristischen Konfliktbearbeitung fehlt diese Vision. Das Harvard-Konzept hat sie ansatzweise. Die Transformative Mediation, in der Juristen und sonstige Fachleute ihre Statements abgeben können, verwirklicht sie. Je erfahrbarer und bekannter die inhaltliche Dimension und Wirkung der Transformativen Mediation werden, umso weniger behalten juristische und fallspezifische Fachkenntnisse ihren Nimbus auch als Marktvorteil.

Die Transformative Mediation bedeutet einen geistigen Klimawechsel im täglichen Umgang miteinander. Oder wie Mahatma Gandhi es formuliert: „Wir selbst müssen der Wandel sein, den wir in der Welt sehen wollen.“

(1) Wolf, Notker: Erfüllte Zeit. Ermutigungen für das Leben, Leipzig, 2010, 56